Ein Tag im Chat

Auch gestern trieben mich ein Überfluss an Zeit und ein gewisser Hang mich zu langweilen in die Weiten des Knuddelschat.
Je länger ich dort verweilte, desto häufiger aber stellte sich mir die  Frage, was mich eigentlich immer wieder an diesen Ort lockt,
an dem man, so jedenfalls die allgemeine Vermutung, aufregende Menschen kennen lernen kann.
Wahrscheinlich ist es die Qual der Wahl, mich zwischen „Gogodancer“, „Us 5 boy“, „Küsser“, „bodybuilder33“, „loveyouall1“, „deinTraumtyp“ oder „süß und nett 01“ als potentiellen Gesprächspartner entscheiden zu müssen.
Die sorgfältig gewählten und oftmals sehr speziellen wie auch ausdrucksstarken Nicknamen verdeutlichen nämlich eins ganz präzise: Die Vielfalt des Lebens passt auch in einen Chat.
Ähnlich wie auch im Leben musst du dich entscheiden – parenthetisch sei jedoch erwähnt,
dass du im Chat dank der „/ignore xxx“–Befehlszeile nicht lange mit deiner Entscheidung leben musst. Sollte ich lieb sein? Sollte ich Verständnis zeigen? Sollte ich weiter die arrogante, intolerante und eloquente Zicke spielen? Heikle Entscheidung. Ich glaube schon und antworte nicht. So kann ich denn nun auch meine Abhandlung über das chatten fortführen.
Ich war bei dem Thema „Entscheidungen“ stehen geblieben.
Unsere Generation befindet sich auf einem Minenfeld der Entscheidungen. Ein falscher Schritt,
in welche Richtung auch immer,  kann uns den Arsch kosten.
Wie erwähnt kann man in der Knuddelswelt viel entdecken.
Da wären zum Beispiel die Fotos. Ich muss hier explizit festhalten: Ich weiß gern, mit wem ich mich unterhalte. Das erspart mir auch das eine oder andere Fettnäpfchen, Wie oft standen meinen Augen still, weil unter einem Bild „ich Halt“ stand. Oft und gern gesehen sind auch die Entschuldigungen, die darauf hinweisen, dass man nichts für sein Aussehen könne und bereits von allen Seiten schon gehört hätte, wie „einem-schweine-in-der-scheiße-ähnlich“-hässlich man sei.„Hach“, denk ich häufig, „wie gut, dass sie dann ein Bild online stellen, das sie derartige Beleidigungen nicht verpassen lässt.“
Aber seien wir wieder brutal offen:
Ich sehe mir einfach gern minderbemittelte Typen an, die sich besser fühlen, wenn irgendeine 45-jährige,  Hausfrau und Mutter ihnen zu verstehen gibt, dass sie ihn auch gern knattern würde, weil er so verdammt einzigartig und besonders sei. „Geil“ nicht zu vergessen. Ach Gott, ich hätte beinahe das Erwähnen der Bezeichnung „süß“ bei den Fotokommentaren des weiblichen Geschlechts, versäumt.  Nach der heimlichen, meist in einem Privatraum um 03.00 Uhr stattfindenden Nacht und Nebelaktion, die das Löschen von gar zu bösartigen oder im Volksmund: ehrlichen Kommentaren beinhaltet, lege ich mich nach vollbrachter Arbeit in die warme Decke meiner Illusionen und schlafe geruhsam in dem Glauben ein, dass mich alle (virtuelle) Welt für hübsch, niedlich, knuffig, nüddelich, suuuuper geil, scharf, hot und zum Knuddeln (oder mehr) hält.
Und morgen lösche ich dann die anderen Kommentare der Menschen, die sich in meinem Aussehen grundsätzlich getäuscht haben müssen.
Thema Fotos eigentlich ein wenig Abstand nehmen, aber da wäre doch noch eine Sache, die mir am Herzen liegt:
Liebe Hündinnen, Test-Schlampen und auszubildende Straßenstrich-Mannequins:
Glaubt ihr nicht, dass sich heutige 15-jährige im Zeitalter der DSL-Flatrate sehr viel schneller zehn Pornos heruntergeladen haben, als eine von euch zu finden, die das halbwegs nachmacht? Stichwort: Würde.
Wenn ich schon bei Würde bin und mich so grenzenlos erhebe: 13-jährige Gangster im Unterhemd mit Oberarmen, die ihren Barthaaren in Größe und Erscheinung ähnlich sind, geben sich umsonst der Lächerlichkeit preis.
18-jährige Gangster allerdings verehre ich,
denn wer bei 20-kg-schweren Imitat-Goldketten und einer Tütensuppenfresse noch ernst in die Kamera gucken kann,
die ja nicht zufällig ein Foto machte, als man halbnackt und mit hochrotem Gesicht die Muskeln anspannte, sind eindeutig zu bewundern und gehören, parenthetisch erwähnt, mittlerweile zu der am schnellsten wachsenden Zahl an Bodybuildern, Balljungen und Bitch-Orglern. Und Balljungen kann man ja immer gebrauchen.
Gut gut, nun nehme ich Abstand von den Fotos.
Wenden wir uns einer Frage zu, die mich seit dem ersten Betreten des Singles-Channels nicht loslässt:
Warum findet man dort vergebene Mädchen und Jungen?
Aber dann leuchtete es mir ein.
Spielen. Zugegeben, die Playmobilfiguren sind teuer geworden, die Pc-Spiele sind in meinen Augen mit 45 Euro im Durchschnitt auch überteuert und das allseits beliebte „Hobby“ Shoppen lässt sich eben oftmals nicht ganz wie ein Hobby ausleben. Wenn man im realen Leben zu schüchtern ist,um der Mörderschnecke beim Job oder in der Schule die Fragen zu stellen, ob sie sich nicht einmal über die elfdimensionale Raumzeit im Quantenschaum oder Schrödingers Katze unterhalten möchte, dann von mir aus bitte. Andererseits … es ist doch herrlich über einen imaginären Harem zu verfügen. Zudem kann man sich virtuell einen blasen lassen, egal ob man Zippo der Clown, ein Hausschwein mit erhöhter Intelligenz, eine Frikadelle mit einem IQ von 5 Meter Waldweg oder der Papst selbst ist.

Am schönsten ist es, wenn man dann noch eine Freundin im realen, also unspektakulären, Leben hat – dann kriegt man’s doppelt, nech?

Das Internet bietet eben immer mehr Dienste an; so kann man hier seinen Marktwert bestimmen lassen, der sich anhand gewisser Zahlen wie virtuell-deflorierter Mädchen, 10-sekunden Flirts oder „du bist so endgeil“-Kommentaren unter den bereits erwähnten Bildern berechnen lässt.
Auffällig sind die lyrischen Ergüsse, die ein jeder Goethe-Verschnitt treffsicher formuliert:
Da messen sich Sätze wie „Fick das Leben, bevor es dich fickt“ in ihrer tiefgründigen Problematik mit einem „du bis mia der Wichtigste von der gansen Welt“, um letztendlich doch an einem
„ich weiß deine ip du wixa, ich komm dich besuche mit meinen homies und verarbeite dich zu dosenfutter, du hurenkind“. Zugegeben, das regt doch zum Nachdenken an, oder?
Im Übrigen lassen sich erfreuliche Tendenzen feststellen,
die meine These, dass wir im Chat sehr viel lernen können, weiter unterstützen: so gibt es weder einen Philosophiechannel, geschweige denn einen für Lyrik, in deren viel zu tiefgründigen Diskussionen man nur Kopfschmerzen oder schlimmer noch: neue Perspektiven zu erwarten hätte – da kann man doch froh und dankbar sein, dass sich die Menschen keine Sorgen machen, sondern sich der Liebe (und den Flirtchanneln) hingeben.
Genau genommen wird sogar niemand ausgeschlossen, was mich an folgenden Satz erinnert:
Man kann noch so blöd sein, man muss sich nur zu helfen wissen ….
Und sei es durch Ausziehen, Aufgeilen, Lügen und Heuchelei, die Hauptsache ist doch, dass sich alle Menschen in ihren Illusionen wohl fühlen.

 

 

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